Karl Friedrich Schinkel
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Reisebeschreibung Triest und Istrien (1803)

Triest

"Ganz in der Tiefe, am Fuß des Gebirgs breitet sich Triest auf einer schmalen Landzunge aus uns streckt kühn einen  ausgeschwungenen Damm mit einem Fort in das Meer, der den Hafen schützt. Viele hundert Schiffe liegen um die Stadt und segeln gleich Punkten auf der weiten Fläche des Meers. Über Triest zieht sich ein großer Busen ins Land, entgegengesetzt vom fernen Gebirge Istriens begrenzt, über dem sich der Horizont des Meers mit seiner reinen Linie breitet und den Blick ins Unendliche lockt. Lange verweilte ich bei dem großen Anblick dieser mir neuen Welt, bis sich die Sonne  ins Meer tauchte. Dann näherte ich mich auf der steilen Straße, die künstlich hin und her am Abhang in die Tiefe führt, der Stadt, die bei der einbrechenden Finsternis erleuchtet aus der Tiefe herauf ein zauberisches Bild machte, während die glatte Fläche des Meers noch den matten Schein des Abends trug und gegen die dunklen Formen der steilen Vorgebirge einen unbeschreiblich schönen Kontrast machte.

Es war Mitternacht, als ich die Tore erreichte, so lange hatte der Wagen auf dem beschwerlichen Wege durch die Weinberge von den Höhen des Gebirgs bis in die Tiefe der Stadt zugebracht. Das nächtliche Leben Italiens, erzeugt durch die Hitze des Tags, stellte sich in seinem ganzen Umfang dar, alles ist in voller Bewegung. An allen Ecken scheinen erleuchtete Trinkgelage, gepfropft mit Nationen aller Art, welche der Handel zusammenführt. Alles jubelte beim Wein, und unbehinderte Freiheit herrschte.

Durch die ganze Stadt schreit das Geräusch lärmender Freude, Zanks und rauher Schiffsmannschaft.  Das Theater ist erst um Mitternacht beendigt, die Promenade nur dann besucht. Die Lebhaftigkeit der südlichen Nation zeigt sich bei jeder Handlung und ist dem Teutschen neu und frappant. 

Am andern Morgen machte ich einen Spaziergang in der Stadt. Der große Kanal, welcher sich vom Hafen in die Hauptstraße zieht und gepfropft voller Schiffe ist, gewährt einen herrlichen Anblick, besonders wenn man vomo Hafen hineinsieht. Der Wald von Mastbäumen, der mit artigen Häusern zu beiden Seiten kontrastiert. Im Hintergrund die Kirche von St. Peter, auf welche der kanal in grader Richtung zuläuft, über ihr die gebirge mit den Landhäusern und Weinbergen machen ein reiches Bild. Der Weg am Hafen ist vorzüglich reich an abwechselnden Szenen, ein beständiges Gewühl von Schiffsvolk aus allen Häfen Italiens, der Levante und Griechenlands und des übrigen Europas, Rußlands, Ostindiens und Westindiens macht ein buntes Bild der Beschäftigkeit, und müßte von Zeit zu Zeit der Handel Triests den selbst von Venedig übersteigen. Die großen Schiffe, welche gereiht im Hafen liegen, durch deren Menge man oft nur selten sparsam ins weite Meer hinausblickt, werden etwas Erhabenes. Hinzu häufen die schönen Vorgebirge, welche den Golf umschließen, eine unnennbare Menge von Schönheit. 

Vom Kastell, welches auf einer felsichten Erhöhung an der Seite der Altstadt liegt, die sich an diese Erhöhung amphitheatralisch baut, genießt man eine herrliche Übersicht der Stadt, des Hafens und des ganzen Golfos. 

Eine alte sarazenische Kirche liegt auf dem Kastell am Abhang, merkwürdig durch Bruchstücke antiker römischer Basreliefs und architektonischer Verzierungen, die man an verschiedenen Orten eingemauert hat. Die Überreste eines römischen Tors korinthischer Ordnung findet man auf dem Wege zum Kastell, sie sind unbedeutend. 

Istrische Reise, Pola

Wie mieten eine Barke von 3 Segel, um die Merkwürdigkeiten von ganz Istrien, die vorzüglich nur an der Küste liegen, zu sehen. Wir hatten das Glück, einen guten Patron der Barke zu finden, welches für einen Besucher Istriens selten ist. Man macht diese Reise gewöhnlich zu Wasser, weil man ohne starke Militärbegleitung im Innern des Landes unmöglich reisen  kann. Die Einwohner und die ehemaligen ventianischen Soldaten, welche jetzt [unleserliches Wort] sind, seitdem der Kaiser diese Länder besetzt hat1, und sich ins Innere des Landes gezogen haben, formieren große Räuberbanden, vor denen man kaum an der Küste sicher ist. Will man sich mehrere Stunden von den Städten entfernen, so geht man in Begleitung von Militär. Diese Kerle haben ein furchtbares Ansehen. Sie reiten auf kleinen Pferden, tragen braune Mäntel und von derselben Farbe Mützen, jeder hat eine Flinte auf dem Rücken, die von einer merkwürdigen langen Form ist, mehrere Pistolen im Gürtel und einen Hieber zur Seite. Die Schnauzbärte sind in Flechten gedreht und hangen zu beiden Seiten oft bis auf die Brust; ebenso sind die Haare in mehrere herunterhangende Striemen geflochten. Die Weiber tragen sich an Farbe den Männern gleich und sind sehr wild wie diese, sie gehn gewöhnlich zu Fuß in den Truppen zwischen den Männern, die zu Pferde sitzen, oder reiten auf Esel. An allen Orten sieht man diese Banden zu 10 und 12 und mehr durchs Land, auch in die Städte ziehen. Das kaiserliche Militär hat bis jetzt noch keine Order, etwas Reelles gegen sie zu unternehmen, es verfährt nur auf wirkliche Tatsachen. 

Mit gutem Wind segelten wir um Mitternacht von Triest, die Küste Istriens nicht gar fern zur Linken behaltend. Capo d’Istria, den Hauptort, und Pirano passierten wir, weil wir uns vorgenommen hatten, sie auf dem Rückweg, wo man gewöhnlich wegen schlechten Windes an mehreren Orten bleiben muß, mitzunehmen. Das Land ist felsicht, hat dennoch keine sehr hohen Ufer. Viele Felseninseln ragen aus dem Meer hervor und machen den Weg für größere Schiffe unsicher, alles ist mit kurzem Gesträuch bewachsen. Die Städtchen am Strande des Meers, deren man eine große Menge beim Vorbeifahren sieht, haben fast alle gleichen Charakter und große oder kleine Häfen. Umago, St. Lorenzo, Città Nuova waren die vorzüglichsten. 

Parenzo ist ein beträchtlicher Ort; hier kamen wir am Abend nach einer Fahrt von Nacht und Tag an. Ein gefälliger Mann, Signor Rossi, an den wir von Triest aus adressiert waren, nahm uns freundschaftlich auf und wies uns die erkwürdigkeiten der Stadt. In jedem Ort dieser Küste sieht man Spuren der ehemaligen römischen Kolonien. In Parenzo stehn die Überreste eines Dianentempels, die auf die schrecklichste Art entheiligt sind. Es sind dies Untermauer und zwei Säulen korinthischer Ordnung, die an der Hinterfront eines Hauses, dem Meeresufer nahe, Gelegenheit geben eine Kommodität hineinzubauen. Am Hafen von Parenzo stehn mehrere Monumente römischer Arbeit, die sehr zertrümmert sind und deren Schrift nicht mehr zu lesen ist. Die Wohnhäuser sind von hohem Alter, meist sarazenischen Ursprungs, von einer sehr soliden und akkuraten Konstruktion aus Quadersteinen, mit artigen Verzierungen jener Zeit. Eine Kirche dieser Zeit ist aus dem 5. Jahrhundert, ihrer alten mosivischen Arbeit wegen merkwürdig.

Von Parenzo fuhren wir nach Rovigno oder Enviago, dem volkreichsten Ort Istriens, mit einem schönen Hafen. Es herrscht hier viel Leben und Handlung. Die Bauart ist, wie überhaupt in Istrien der von Parenzo gleich.  Auf einem Felsen, der von der Stadt aus ins Meer sich streckt, steht der Haputdom der Stadt und macht mit seinem hohen Turm, der nach dem Bilde des St-Markus-Turms in Venedig gebaut scheint, eine herrliche Wirkung. In der Nacht fuhren wir von hier ab und erreichten am Morgen den Hauptbestimmungsort unserer Reise, Pola, an der letzten Spitze Istriens.

Der Weg zu dieser, ihrer vielen Altertümer wegen merkwürdigen Stadt führt durch unzählige Klippen, die aus dem Meer emporragen.2 Man fährt in den von der Natur durch Inseln und Landzungen gebildeten großen Hafen ein und wird bald von Ruinen links und rechts auf den Inseln überrascht. Aber bald erblickt man die Stadt selbst mit dem Kastell und der Anhöhe im Hintergrund des Hafens und zur Seite das große römische Amphitheater, welches eine prächtige Wirkung macht. Beim Aussteigen aus der Barke war das Meer mit einem Nebel bedeckt, der hier sehr häufig ist, die Luft ist überaus ungesund, das Militär welches hier lag, ist deshalb weggenommen, weil in einem Monat von einer Compagnie 50 Männer starben [Malaria]. Es ist jetzt nur eine Besatzung von 8-12 Mann, die alle 5 Tage von anderen Orten umwechseln. Die Population ist überhaupt nur reichlich 5 bis 700 Einwohner. Vom Gouverneur, einem wahren Venetianer mußten wir um die Erlaubnis bitten, zeichnen zu dürfen.

Darauf machten wir uns in Begleitung eines Soldaten auf den Weg zum großen Amphitheater. Die Reste dieses Gebäudes, welches aus drei Etagen besteht und im Ovale nach dem gewöhnlichen Plan aller Amphitheater gebaut ist, sind sehr vollständig; es hat in den beiden unteren Etagen 144 Bogen, in den oberen 72 viereckte Öffnungen, ist in seinem großen Durchmesser etwa 500 Fuß lang und im kleinen 450 breit. Man sieht im Inneren die Spuren der Sitze, die zum Teil im Felsen, an den es sich lehnt, gehauen sind. Die Arena oder Kampfplatz ist auch deutlich zu erkennen. Auf dem Wege zum Amphitheater, welches eine halbe Stunde vor der Stadt liegt, ertrugen wir eine entsetzliche Hitze, die hier schon fast unerträglich ist; mehreren Truppen bewaffneter Eingeborenen begegneten wir auf der Straße, die nur von den Soldaten einige Furcht haben.

Wir gingen durch die sogenannte Porta Aurea in die Stadt zurück; ein herrliches altes Tor im schönsten römischen Stil. Nahe an dem Hauptplatz der Stadt steht der Tempel von korinthischer Ordnung im schönsten Verhältnis, der dem Augustus und der Stadt Rom gewidmet war. Man sieht 6 Säulen, die eine Vorhalle bilden und ein Giebelfeld von reicher Architektur unterstützen; im Innern ist ein Stall für Esel und anderes Hausvieh angelegt.

Merkwürdig ist noch der sogenannte Rolandsturm, la Torre d’Orlando, auf einer landzunge des Forts. Woher der name entstanden ist, kann ich nicht begreifen, da die Ruine aus der römischen Zeit zu sein scheint. In der Stadt sind mehrere schöne sarazenische Kirchen.

Nichts ist unangenehmer als der Mangel der Wirtshäusern in allen Städten, der uns fast aushungern ließ. An ihrer Stelle findet man aber Kaffeehäuser an allen Ecken, wo man freilich nur Kaffee, Schokolade und Limonade trinkt. Die Liebe der Einwohner sich, sich in diesen Häusern umherzutreiben, ist entsetzlich und gibt ein Bild des faulen Lebens, welches durch ganz Italien herrscht.

Auf unserem Rückwege nach Triest besuchten wir Pirano, welches wir vorbeigesegelt haben, es hat einen schönen Dom auf einem senkrecht am Meer stehenden Felsen. Große Untergemäuer mit Bogen, welche von der Fläche des Meers bis an den Gipfel des Felsens geführt sind und das Fundament und den Platz um den Dom befestigen, machen einen erhabenen Anblick.

Am Abend kamen wir im hafen von Triest zurück, mußten aber die Nacht auf der Barke bleiben, weil die Sanität schon geschlossen war, die unsere Passaporti nachsieht, um sich zu überzeugen, daß wir nicht aus der Levante [Dalmazien] kommen, in welchem Fall wir 40 Tage Quarantäne halten müßten. 

In einem kleinen Batello segelten wir einige Tage darauf nach Capodistria.  Der Wind war bei der Abfahrt sehr günstig.Wir sahen einen prächtigen Marktplatz, der mit Überbleibseln römischer Architektur und sarazenischen Gebäuden prangte, der Ort ist klein, hat aber einige 50 Kirchen und viele Klöster. Bei der Rückreise war der Wind entsetzlich ungünstig; er trieb das kleine Batello ins weite Meer. Wir fürchteten, es könne die sogenannte Bora entstehen, ein Nordwiind, der hier großen Schaden stiftet. Die Wellen schlugen häufig in das kleine Fahrzeug, und unser Schiffer, der alleini dasselbe dirigierte, schien der Sache nicht sehr kundig zu sein. Er war überdies ein Genueser und sprach ein so schlechtes Italienisch, daß wir ihn selten verstanden und uns verständlich machen konnten. Mit so kleinen Fahrzeugen bleibt man gewöhnlich ganz der Küste nahe. Er hatte die Tollkühnheit, uns über die ganze Breite des Golfo im stürmischen Wetter zu fahren. Wir waren, mehrere Stunden vom Land entfernt, in einer großen Gefahr, umgeworfen zu werden, er behielt aus Eigensinn sein Segel gespannt, wodurch dies Fahrzeug so schief getrieben wurde, daß es auf einer Seite Wasser schöpfte.

Der Wind schlug uns von der östlichen Küste des Golfos an die westliche, beim Dorfe Contovell ließen wir ihn landen und machten den Weg von 3 Stunden bis Triest zu Fuß, um der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Jetzt sitzen wir in Triest in unendlicher Arbeit, unsere Reiseskizzen in Ordnung zu bringen. Und dann nach Venedug zu kommen, wohin wir am 8. August abzugehen glaubten."

Anmerkung:

Die Reisebeschreibung Schinkels über seinen kurzen Istrien-Aufenthalt endet an dieser Stelle. In seinem Buch werden in nachfolgenden Kapiteln Reiseeindrücke über seinen anschließenden Aufenthalt in Venedig  und weiteren italienischen Städte beschrieben.

1 Istrien gehörte jahrhundertelang zur Republik Venedig bis zu deren Auflösung im Jahre 1797 infolge der Invasion Napoleons. Österreichische Truppen besetzten Istrien zur Zeit, als Schinkel seine Reise unternahm. Der Friedensvertrag von Pressburg im Jahre 1805 beendeten die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Napoleon und Österreich und Kaiser Franz I. von Österreich überließ das venezianische Istrien dem neugegründeten napoleonischen Königreich Italien. Es wurde als Herzogtum von Marschall Bessieres und französischen Truppen verwaltet. Mit dem Friedensvertrag von Schönbrunn kam Istrien im Jahre 1810  zu den neugegründeten sog. Illyrischen Provinzen Frankreichs. Infolge des  Wiener Kongresses im Jahre 1815 wurde Istrien endgültig von Österreich annektiert. 

2 Gemeint ist hier sehr wahrscheinlich die Inselgruppe Brioni vor Pola/Pula.  


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This page compliments of Michael Plass

Created: Sunday, January 14, 2000. Last Updated: Wednesday, January 10, 2007
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