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Kaiserliches Küstenland Istrien an der Südbahn

© Der Welt
June 5, 2001

Kaiserliches Küstenland Istrien an der Südbahn In Schloß Kittsee im Burgenland (nahe Hainburg) ist die heurige Sommerausstellung Istrien gewidmet - dem venezianischen, österreichischen, jugoslawischen Küstenland, einer vielgestaltigen Wirklichkeit und reinen Utopie. von hans haider Von einer "Republik Istrien" träumte der 1999 in Triest verstorbene Erzähler Fulvio Tomizza in seinen letzten Jahren: Istrien als Friedensphantasie inmitten der am Balkan neu entflammten Nationalitätenkonflikte - und zugleich Rückbesinnung auf Eigenart und Prosperität im letzten Jahrhundert der k. u. k. Monarchie.

Istrien, Halbinsel zwischen dem österreichischen Triest und dem ungarischen Fiume, war damals keine Winzigkeit an der immensen kroatischen Küstenlinie, sondern ein nächstgelegener Seepark vor dem Grazer und Wiener Hinterland. Istrien ist heute ein kleinwenig slowenisch (Koper, Piran, Portoroz). Der große Rest wurde Teil der Republik Kroatien (Porec, Rovinj, Pula, Pazin, Opatija).

Von Stefanie zu Moskva

An Istriens Spitze, in Pola, dümpelte Österreichs Kriegsmarine - abgedeckt vom offenen Meer durch die Insel Brioni. Ihre privaten Besitzer, die Eisenindustriellen Kupelwieser, hatten Brioni zu einem öffentlichen Garten- und Tierparadies hochgezügelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg privatisierte sie der Kommunist Tito für sich allein. Das Hotel "Kronprinzessin Stefanie" in Abbazia wurde (Tito war damals noch ostblocktreu) unbenannt in "Moskva". Doch unter Tito durften die Menschen von Istrien wieder jene alten Bräuche, Eigenarten hervorkehren, welche die in Saint-Germain siegreichen Italiener dort ebenso tilgen wollten wie alles Deutsche in Alto Adige. Kristian Sotriffer, als Südtiroler mit solchen Umvolkungsstrategien leidvoll vertraut, hat schon 1972 ein schönes Buch über Istrien und den Karst geschrieben.

Istrien wählte das Österreichische Museum für Volkskunde in seiner Außenstelle in Kittsee heuer zum Sommerthema. Die Schau wird von Oktober bis Jänner ins Wiener Haupthaus in die Laudongasse übersiedeln, im nächsten Frühjahr ins kroatische Pazin (das dortige Etnografiski Muzej Istre ist Mitveranstalter) und vielleicht weiter nach Zagreb. Ein billiges Begleitbuch ("Istrien - Sichtweisen") tut beste Dienste. Die damals junge Wiener Disziplin der Volkskunde wollte im späten 19. Jahrhundert die Völker der Monarchie einander interessanter machen: indem sie, etwa im "Kronprinzenwerk", von überall das Besondere achtungsvoll herausmodellierte.

In der 1848 direkt der Krone unterstellten Region (vor den Römern ein Teil des noch von Shakespeare idealisierten Königreichs Illyrien) suchte man den Ur-Istrier - und glaubte ihn im romanischen oder kroatisch romanischen Mischvolk der von den Küstenweiden in die Berge vertriebenen Tschitschen gefunden zu haben. Sie sollen sogar - so ein besorgter österreichischer Behördenbericht 1830 - in ihrer Isolation "in aller Stille eine eigene Regierung, eine eigene Verfassung und eigene Gesetze aufgestellt haben".

Ein Tschitschenpärchen (zwei Puppen in Tracht) waren wie die "Istrische Küche" frühe Attraktionen des 1917 aufgesperrten Wiener Volkskundemuseums. So wie die Wiener Wissenschaftler ihr istrisches Volk konstruieren wollten, suchte auch das kommunistische Jugoslawien nach dem Einmaligen - und stieß auf urtümliche unglasierte Formen bäuerlicher Keramik. Das heutige touristische Istrien kürte die steingebaute Rundhütte (Kazun) zum Werbe-Signet.

Doch wie müßig es letztlich ist, Reinheit zu suchen, hatte schon schon der Istrien-Reisende Freiherr von Czoernig im vorvorigen Jahrhundert erkannt: Er diagnostizierte "die Verschmelzung verschiedener Abteilungen... selbst der entgegengesetztesten Volksstämme, deren gesprochene Mundart aus den verschiedensten, kaum zu entwirrenden Elementen besteht. Man begegnet daselbst nicht nur kroatisierten Serben und serbisierten Kroaten, sondern auch kroatisierten Wallachen, ferner italianisierten Kroaten, welche zum Teil selbst ihre Muttersprache vergessen haben, dann kroatisierten Italienern, bei denen dies ebenso der Fall ist, schließlich einem Mischvolk, dessen Tracht italienisch, dessen Sitte slawisch, dessen Sprache ein Gemisch von serbischen und italienischen Wörtern ist".

Marine-Kasino in Pola

Aus dem Strauß bisheriger Theorien wäre noch anzubieten: Die Istrier seien, wegen des "semitischen Klangs" vieler Ortsnamen, direkt mit den Kolchern verwandt; sie seien kelto-illyrischer Abstammung; sie seien Illyrer und als solche mit den Albanern verwandt; sie stammten teilweise aus Bulgarien, sie seien Nachfahren der rumänischen Ciribiri. 1374 wurde das istrische Hinterland Habsburg unterstellt, acht Jahre später flüchtete Triest freiwillig unter Habsburgs Schirm. Die Republik Venedig bleibt bis zu ihrem Fall 1797 Miteigentümer in Istrien, nach dem kurzen napoleonischen Gastspiel ist Istrien 1815 bis zum Kollaps der Monarchie Teil des Küstenlandes.

1857 erreicht die Südbahn Triest, 1873 Fiume, 1876 Pola. Abbazia mausert sich dank der Südbahn zum noblen Seebad und Luftkurort. In vielen istrischen Familien haben sich Andenkenstücke erhalten: den Militärdienst, die verläßliche Gendarmerie, Geselligkeit in den bürgerlichen Kursälen, im Marine-Kasino von Pola. Daneben Bauern- und Handwerkerarbeit und (italienische) Arme-Leute-Poesie nach dem Bahnbau: "Jetzt, da wir eine Eisenstraße haben, wird das Essen im Topf nie mehr fehlen".

Sechzig private Leihgeber aus Istrien und viele öffentliche Sammlungen haben diese erste Retrospektive ermöglicht auf ein, auf ihr Land, das geographisch klar faßbar ist, kulturell durch seine Undeutlichkeit bezaubert und politisch nur in Fulvio Tomizzas Dichterkopf noch einmal aufblühte: als eine transnationale Utopie.

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Created: Monday, April 29, 2002; Last updated: Sunday, August 09, 2015
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